Holocaust. Nachkommen erzählen.
Mehrere Nachkommen von Holocaust-Überlebenden haben Ende Januar 2025 anlässlich des Gedenktags vom 27.01. verschiedene Klassen unserer Schule besucht. Dies im Rahmen des Oral History Projekts «Holocaust. Nachkommen erzählen.» Sie erzählen dabei die Erlebnisse ihrer Eltern und Grosseltern nach und machen so Erinnerung greifbar. Wichtiger denn je.
Rolf Meyer aus Bremgarten (AG) berichtet am 27. Januar 2025 in der Mediothek über die Deportation seiner damals dreizehnjährigen Mutter Hanna Moses in das Lager Gurs in Vichy-Frankreich und über ihre geglückte Flucht in die Schweiz.
Hanna wächst mit ihrer jüngeren Schwester in Karlsruhe auf und erlebt mit ihrer Familie die sich verstärkende Ausgrenzung aus der Volksgemeinschaft. Herr Meyer geht in seinen Schilderungen vermehrt auf Hannas Schulalltag ein und berichtet über die Reichspogromnacht, in deren Folge die Synagoge zerstört worden war. Am 22. Oktober 1940 erfolgte die Deportation der Familie Moses, betroffen sind insgesamt mehr als 6500 Jüdinnen und Juden aus Baden, der Pfalz und dem Saarland. Somit erhalten die zuhörenden Schüler:innen der Klasse W3a und G3a einen ganz anderen Zugang zu aus dem Geschichtsunterricht bekannten Ereignissen.
Im Wissen, dass Hannas Mutter im Jahre 1944 in Auschwitz ums Leben gekommen war, sind es vor allem die Fluchtumstände, die beim Publikum grosses Interesse wecken. Hanna und ihre Schwester Susanne sollten genau in jener Nacht über die Grenze bei Genf geschleust werden, als die Schweiz diese einmal mehr schloss. Die Kinder dieser Gruppe sassen deshalb um drei Monate im Raum von Grenoble fest.
Nachzulesen ist die Geschichte in „Reise in die Vergangenheit“, der Autobiografie von Frau Hanna Meyer-Moses. Dieses Werk und die Auseinandersetzung mit Geschehenem entstanden erst infolge eines Geburtstagsgeschenks ihres Ehemannes: einer Reise an die verschiedensten Orte ihrer Vergangenheit. Das Erlebte ihrer Mutter stand jedoch in der Erziehung ihrer drei Kinder nicht im Vordergrund, wie Herr Rolf Meyer erwähnt. Geprägt hat sie ihn schon, wenn auch unbewusst.
Seine Mutter wollte ursprünglich nie mehr Deutschland betreten, begleitete schliesslich doch ihre damals achtzehnjährigen Tochter, als diese die Orte der Kindheit ihrer Mutter in Karlsruhe sehen wollte. Daraus entstand eine manche Jahre währende Zeitzeugenarbeit, in welcher Hanna Meyer regelmässig die Schulen in Deutschland besuchte und von ihren Erlebnissen berichtete.
Nach dem Tod seiner Mutter sieht sich Herr Meyer in der Verantwortung, weiterhin über die Geschehnisse während des Holocaust zu berichten, so wie es auch seine Mutter als Zeitzeugin getan hatte, weil diese – auch 80 Jahre nach Kriegsende – niemals in Vergessenheit geraten und je wieder geschehen dürfen. (Wa)

Susanne (li.) und Hanna im Mädchenheim ‘Château de Couret’ (Okt. 1942)
David Hübler zeichnet die Lebensgeschichte seiner Familie väterlicherseits nach.
Hüblers Grossvater stammte aus Wien. Er nahm die zunehmende Ausgrenzung der Jüdinnen und Juden in den 1930er Jahren besorgt zur Kenntnis. Er entschied sich, Österreich zu verlassen. Gerade rechtzeitig, wie wir heute wissen. Denn Österreich wurde 1938 in das Dritte Reich eingegliedert. Mithilfe von Schleppern floh die Familie über die Grenze in die Schweiz. Zunächst wurde sie jedoch von der Polizei aufgefasst. Wohl dank Paul Grüninger, dem damaligen Kommandanten der Grenzpolizei, konnte die Familie bleiben. Und dies gegen den Willen der Schweizer Landesregierung, die verboten hatte, Flüchtlinge passieren zu lassen. Paul Grüninger widersetzte sich jedoch den Befehlen des Bundesrates und fand Wege, rund 3500 Flüchtlinge vor der Deportation zu retten. Deutschen Behörden fielen die Aktivitäten Grüningers jedoch auf und sie meldeten dies dem Bundesrat. Dieser zögerte nicht und entliess den Fluchthelfer aus seinem Dienst. Und mehr noch: Ein Gerichtsverfahren wegen Amtspflichtverletzung führte zwar nicht zur Haft, aber zu einer Busse und zu gesellschaftlicher Ächtung. Der Held Grüninger verarmte. Erst Jahre nach seinem Tod wurde er rehabilitiert.
Die Familie Hübler indes kam in einem Hotel unter, das zu einem Auffanglager für Flüchtlinge und damit zu einem sicheren Hort wurde. Die Hoteliers, die Familie Klauser, hat sich dabei eigenhändig um Dutzende Geflohene gekümmert – ohne staatliche Unterstützung, aus reiner Menschlichkeit.
Hübler hat aber auch ein Familienmitglied verloren. Denn jene, die in Wien blieben, hoffend darauf, der Sturm würde vorbeiziehen, wurden inhaftiert und in Konzentrationslager deportiert. Wie so viele Menschen, die aufgrund der Gräueltaten der Nazis ein schreckliches Ende fanden.
David Hübler konfrontiert uns mit folgendem Gedanken:
Würden wir eine Schweigeminute für jedes Opfer des Holocausts halten, wäre es 11 Jahre lang still!
Es ist offensichtlich, weshalb die Erinnerung an die Schreckensjahres des Faschismus im Gedächtnis bewahrt werden müssen und Geschichte gegenwärtig gehalten werden muss. Und gleichzeitig ist es gut zu wissen, dass es Menschen gibt, die auch unter widrigen Umständen ethisch handeln können. (Rg)