Diplomatin mit Botschaft

Im Rahmen des Europatages besuchen Botschafter der diversen EU-Staaten Schweizer Schulen und diskutieren mit den Schülerinnen und Schülern darüber, warum ihr Land am europäischen Integrationsprozess teilnimmt und welche Erfahrungen es mit der EU- Mitgliedschaft gemacht hat. Das WW erhielt in diesem Jahr Besuch von der tschechischen Botschaft in Bern.

Seit 1964 wird jedes Jahr feierlich an die Schuman-Erklärung erinnert. Am 9. Mai 1950 hielt der damalige französische Außenminister Robert Schuman in Paris eine Rede, in der er seine Vorstellung von einer neuen Form der politischen Zusammenarbeit in Europa erläuterte – eine Zusammenarbeit, die Kriege zwischen europäischen Nationen unvorstellbar machen sollte. Schumans Vorschlag gilt als Auftakt zu dem, was heute die Europäische Union ist. Am sogenannten Europatag (9. Mai) werden deshalb der Frieden und die Einheit in Europa gefeiert.

Die Schweiz ist zwar nicht EU, sehr wohl aber Europa. Ihre Grenze teilt sie mit vier EU-Staaten. Der wichtigste Partner der Schweiz – sowohl politisch als auch wirtschaftlich – ist die EU. Gründe genug, sich mit der EU zu befassen.

Irena Valentová ist seit Herbst 2018 mit der Leitung der Tschechischen Botschaft in Bern betraut. Sie ist sich sicher: Für Tschechien hat sich die EU-Mitgliedschaft jetzt schon gelohnt. Seit 2004 ist das Land Teil der EU und erfreut sich einer sehr positiven wirtschaftlichen Entwicklung. Die Arbeitslosenquote ist ähnlich tief wie in der Schweiz und die EU sichert die demokratischen Prozesse in Tschechien. Das ist für einen Staat, der insbesondere im letzten Jahrhundert viele Jahre der Fremdbestimmung hat über sich ergehen lassen müssen, durchaus nicht selbstverständlich.

Natürlich werden in Valentovás Heimat aber nicht nur die Vorteile der EU hervorgehoben. Um die 40% der Tschechinnen und Tschechen stehen der Union skeptisch bis kritisch gegenüber. Einen «Tchexit» schliesst die junge Diplomatin aber aus. Ein Austritt aus der EU hätte für Tschechien wohl gravierende Folgen, denn über 80% der Exporte fliessen in den europäischen Binnenmarkt. Dessen ist sich die tschechische Bevölkerung bewusst. Die emotional geführten Diskussionen im britischen Unterhaus und die Turbulenzen rund um den «Brexit» haben in den Augen Valentovás viel mehr den positiven Effekt, dass die restlichen EU-Länder näher zusammenrücken.

Dass ein Beitritt zur EU auch Nachteile mit sich bringen kann – sie erwähnt die Langsamkeit der politischen Prozesse und die durch eine Mitgliedschaft entstehende Verwaltungsbelastung, da viele Vorschriften angepasst werden müssen – liegt auf der Hand. Irena Valentová ist weit davon entfernt, der Schweiz einen Beitritt schmackhaft zu machen. Eine Zusammenarbeit mit der EU und die Bereitschaft zu Kompromissen sind aus ihrer Sicht aber unabdingbar. Schliesslich profitieren beide Seiten von einer Partnerschaft auf Augenhöhe.

Der immer wieder hörbare Vorwurf, die Souveränität eines Staates gehe mit dem Beitritt zu EU verloren, lässt die überzeugte Europäerin so nicht gelten. Erstens kann man als Mitgliedstaat mitbestimmen. Zweitens ist es in einer vernetzten Welt, beladen mit Beziehungssystemen auf allen Ebenen ohnehin illusorisch, eine absolute Unabhängigkeit anzustreben. Dies gilt natürlich auch für ein Land im Herzen Europas – die Schweiz.

Mit Tschechien verbindet die Eidgenossenschaft vor allem eine Zusammenarbeit im Bereich Wissenschaft und Bildung. Hier Brücken zu bauen, macht einen gewichtigen Teil der Arbeit Valentovás aus. Networking für tschechische Unternehmen in der Schweiz und umgekehrt. Sie organisiert Treffen, stellt Programme für Delegationen aus Tschechien, die die Schweiz besuchen, auf die Beine, organisiert kulturelle Veranstaltungen. Und sie lernt eine neue Kultur, ein neues Land und viele Menschen kennen. Dies gibt der gelernten und studierten PR-Fachfrau die nötige Motivation für ihren verantwortungsvollen Alltag. Dabei kommt es durchaus vor, dass Valentová den einen oder anderen „global leader“ antrifft – und sich über ihre Grösse und ihre ausgeprägten Deutschkenntnisse wundert, wie etwa bei keinem geringeren als Wladimir Putin. Dieser macht auf sie den Eindruck einer vernünftigen Person, sagt sie mit einem ironischen Lächeln. Überhaupt hinterlässt Irena Valentová einen positiven Eindruck bei den Besuchern der Aula-Veranstaltung, schiesst noch ein paar Fotos und macht sich anschliessend auf den Weg in die Bundeshauptstadt. Der nächste Termin wartet.

Rg

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