«Niemand war schon immer da.»  

«Niemand war schon immer da.»[1]

Migration ist seit längerer Zeit ein Thema – auch in der Schweiz, auch in Basel. Seit drei Jahren ist die Rede von Flüchtlingen, die in Wellen oder Strömen Europa überfluten würden, eine Naturkatastrophe apokalyptischen Ausmasses, der man chancenlos ausgeliefert sei.

Nun lassen wir die Kirche mal im Dorf.

Ja, sie sind da, ja, es kommen noch mehr, ja, es gibt schwarze Schafe darunter, und ja, die Schweiz ist nicht Deutschland, das es unbedingt schaffen möchte. Bislang ist das Schiff Europa jedenfalls noch nicht untergegangen.

Migration hat zunächst mal relativ wenig mit Wasser zu tun. Eher mit Wandern. Und genau deshalb, und weil das Museum der Kulturen Bewegung von Menschen an der frischen Luft nicht nur fördert, sondern auch den Beweggründen für Migration auf die Schliche kommen möchte, ist die W2d im Frühling den Spuren der Migrationsgeschichte in Basel gefolgt unter kompetenter Führung von Antonio Russo.

https://www.mkb.ch/de/angebote/angebot_fuer_schulen.html

Zunächst einmal bilden die Lernenden der W2d – und dies ist keine skurrile Besonderheit an unserer Schule, sondern eher die Regel – selbst ein lebendiges, buntes Mosaik. Aus allen Herren Länder kommen ihre Vorfahren, und selbst Nicht-Eingebürgerte dürfen erkennen, dass sie einen Migrationshintergrund haben. Und wenn‘s auch «nur» der Aargau ist. Und damit sind sie nicht alleine.

Foto W2d

Basel hat eine lange Tradition, wenn es um Migranten und Flüchtlinge geht. Alteingesessene, vermeintlich typische Basler Geschlechter wie etwa die Sarasins waren nicht schon immer Basler. Sie waren auch nicht immer Christen («saracenus» bedeutet so viel wie «islamischen Völkern zugehörig»). Ihre Familiensaga lässt sich bis nach Nordafrika zurückverfolgen. Aus muslimischen Semiten wurden dann französische Hugenotten. Diese wiederum mussten im 16. Jahrhundert der Verfolgung durch die katholische Kirche entfliehen. So fanden die protestantischen Sarasins schliesslich ihren Weg ins reformierte Basel, das den Flüchtlingen Asyl gewährte. Und hier stiegen sie von Schutzsuchenden zu einer der erfolgreichsten Familie in Basel auf, die die Textil-, Handels- und Bankbranche prägte.

Unser Daig kommt also aus dem Morgenland. Oder aus dem Schwarzwald, wie zum Beispiel die Burckhardts mit ckdt. Auch der Novartis kann man einen Migrationshintergrund nachweisen, ohne die Expats zu thematisieren, denn sie ist bekanntlich durch eine Fusion der Pharmariesen Sandoz und Geigy zustande gekommen, zwei Namen, die ursprünglich in der Hauptsache bei unseren westlichen und nördlichen Nachbarn zu finden waren.

Und dann sind da noch die Italiener, die Spanier, die Türken, unsere Freunde vom Balkan und und und. Und alle haben sie ihren Weg nach Basel gefunden, haben ihren Lebensmittelpunkt längerfristig hierhin verlagert, ihre Heimat aus unterschiedlichen Gründen verlassen. Perspektivlosigkeit, Verfolgung, Unterdrückung und Krieg sind da zu nennen. Aber halt auch die Chance auf bessere wirtschaftliche und kulturelle Chancen.[2] Die sogenannten Wirtschaftsflüchtlinge eben, die man landauf, landab nicht so gerne sieht. Doch man bedenke, was es bräuchte, bis wir bereit wären, unsere Heimat zu verlassen. Und sind wir, die Hiesigen, nicht auch daran interessiert, unsere Situation zu verbessern, wenn sich uns die Chance ergibt? Mir hat jedenfalls noch keiner einen Vorwurf dafür gemacht, dass ich (damals noch mittellos und ungebildet) aus dem fernen, armen Landkanton in die grosse, weite Stadt migrierte (immer noch ungebildet, aber nicht mehr mittellos). Warum auch.

Aus Lörrach, Schaffhausen, Napoli, Trimbach und aus den Niederlanden spült es sogar die geschätzte Lehrerschaft nach Basel. Und trotzdem bleibt die Schaluppe auf Kurs und die Stadt am Rhein – «die grosse Völkermühle»[3] – schafft das dann doch auch irgendwie.

Und zur Not schwimmen wir.

Rg

 

[1] Holenstein, A./Kury P./Schulz K.: Schweizer Migrationsgeschichte, Baden 2018, S. 37.

[2] Ebenda, S. 350.

[3] Zuckmayer, Carl: Des Teufels General, Frankfurt am Main 2010, S. 70

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